{Rohfassung / Draft, Januar 2012}

Bruckner: Die verschiedenen Fassungen seiner Symphonien

Viele Symphonien Anton Bruckners liegen in verschiedenen Fassungen vor.

Dies hat verschiedene Gründe:

Für den oberflächlichen Klassikhörer sind die Unterschiede oft nicht unmittelbar erkennbar, denn das motivisch-musikalische Material ist (natürlich) in allen Fassungen das Gleiche.

Urfassungen / Erstfassungen:
Die "ersten Fassungen" (oft auch "Orginalfassungen" genannt) setzen sich zunehmend durch und sind m.E. deshalb besonders wertvoll, weil sie in jedem Fall Bruckners ersten und unverfälschen Willen darstellen.
Zwar hat Bruckner in den meisten Fällen seine "Segnung" zu den neueren Fassungen gegeben, aber sie waren in der Regel beinflusst von Dritten, die mit neuen Fassungen wirtschaftliche oder zeitgenössisch-ästhetische Aspekte verfolgten, also nicht unbedingt Bruckners innvovativer Leitkunst entsprachen.

"Urfassungen" sind dahingegen Bruckners erste komplett abgeschlossene Partituren, die aber (kurz) später überschrieben wurden. Man kann sie teilweise rekunstruieren.

Nur in wenigen Fällen sind m.E. spätere Versionen den Orginalfassungen vorzuziehen (insbesondere bei der IV. Symphonie).
Bruckner hatte deshalb auch seine ursprünglichen Fassungen stets "aufbewahrt", nachdem er neuere Fassungen erstellte - anstatt sie zu vernichten, was dann als Indiz für lediglich erste Roh- und Konzeptfassungen verstanden werden könnte. Bruckner selbst wußte nur zu genau, dass die Nachwelt einen anderen Blick auf sein innovatives, klanglich besonderes Oevre haben würde, als dies von seinen Zeitgenossen zugebilligt wurde.

Das ist (Musik-) geschichtlich nicht ungewöhnlich:
Neue Kompositionen, die mit den "bisherigen Hörgewohnheiten" brachen, wurden oft zunächst verstört von den Zeitgenossen aufgenommen:
Auch Beethovens 3. Symphonie, die - immens ausgedehnt - als überladen aufgenommen wurde, wurde teilweise stark kritisiert - und gilt als "Eroica" heute als erstes kanonisches Meisterwerk Beethovens;
Wagners Tristan mit dessen unaufgelöstem Septakkord bereits im Vorspiel und den damals ungewöhnlichen Harmonien, wurde als verstörend wahrgenommen und breit abgelehnt;
Stravinskys "Le sacre du printemps", dessen harsche Rythmen mit der sanften Romantik brach und den Expressionismus einleitete, löste Proteste und Krawall aus.
Letzlich waren Künstler wie Beethoven und Wagner einfach "selbstbewußter" und fertigten deshalb nach erster Ablehnung keine "Light-Versionen" an, wie es Bruckner tat.

Titel:
Anton Bruckner selbst hatte nur eine Symphonie tituliert, die Vierte, die sogenannte "Romantische". Die anderen Titel sind Bezeichnungen, die von Bruckner im Zusammenhang mit dieser Symphonie stammen (zB als Widmung 1. und 9. Symphonie). Oder sie wurde vom Publikum durch ihren Charakter so benannt und haben sich teilweise "durchgesetzt" (2., 3., 5., 8. Symphonie). Dies gilt auch für die Nullte und Null-Nullte.

Formatierungen:
Die verbreiteten und üblichen Fassungen sind fett+schwarz markiert, die kaum oder weniger verbreiteten Fassungen in fett+grau formatiert.

 

Symphony 00
(in f-moll, "Studiensymphonie")

Originalfassung
Wurde vom 15. Februar bis 26. Mai 1863 geschrieben.
 

Symphony 0
(in d-moll)

Originalfassung
Abgeschlossen 1869.

Symphonie 1
(c-moll, "Das kecke Beserl")

Urversion 1866 "Linzer Fassung"
komponiert in Linz zwischen Mai 1865 und April 1866. Die erste Aufführung wurde von Anton Bruckner geleitet.
Eine komplette kritische Ausgabe wurde erst 1998 durch William Carragan angefertigt.

"Linzer Fassung", Version 1877
Auch diese Fassung wird als Linzer Fassung bezeichnet, obwohl Bruckner nicht mehr in Linz arbeitete.
Diese Fassung ist - obgleich der "Urfassung" die seit jeher übliche Konzertfassung (von Haas (1934) und Nowak (1953) herausgegeben).

"Wiener Fassung", Version 1889/1891
Die revidierte Fassungen wurde in Wien am 13. Dezember 1891 von Hans Richter uraufgeführt. Sie ist im Klang stark (nach Bruckners späterem Stil) verändert .
Sie wird nur relativ selten aufgeführt, gilt aber als Bruckners eigenmotivierte Fassung.

Symphonie 2
(c-moll, "Pausensymphonie")

1872 Version (Erste Rohfassung)
komponiert zwischen Oktober 1871 and September 1872. Diese kritische Neuausgabe wurde von William Carragan für die Bruckner Gesellschaft erstellt.

1873 Version (Erste Aufführungsfassung)
Die Fassung wurde für die erste Aufführung am 26. Oktober 1873 der Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Anton Bruckner erstellt.
Sie enthält viele Änderungen. Insbesondere wurden die Sätze 2 und 3 umgestellt. Das Adagio wurde erheblich gekürzt (Wegfall der Wiederholung). Das Finale wurde zur 1872er Version stark überarbeitet.

1876 Version
Diese Fassung wurde 1875 und 1876 eingerichtet und im Februar 1876 - ebenfalls von den Wiener Philharmonikern unter dem Dirigat Bruckners - aufgeführt. Sie hat wenige Änderungen zur 1873er Fassung.

1877 Version
Diese Fassung weist erhebliche Veränderungen auf, im 1. und 2. Satz gibt es einige Kürzungen. Das Finale ist erheblich geändert.
Diese Fassung wird mit Abstand am häufigsten aufgeführt, auch wenn die früheren Editionen von Haas (1938) und Nowak (1965) keine "reinen" Ausgaben sind. Erst die neue kritische Ausgabe von William Carragan (1997) korrigiert die früherern "Fehler".

1892 Version
Diese Fassung weist einige Änderungen in der Instrumentierung auf, die Bruckner zwischen 1891 and 1892 vorgenommen hatte.


Symphonie 3
(d-moll, "Wagner-Symphonie")

1. Fassung (1873) / Originalfassung
Bruckner komponierte die erste Fassung in 1873. Bruckner legte sie Wagner bei einem Besuch in Bayreuth vor. Sie enthält Zitate aus der Walküre, Tannhäuser und anderen Wagner-Opern und wird deshalb als "Wagner-Symphonie" bezeichnet. Sie ist mit über 2000 Takten die längste Partitur aller Bruckner Symphonien.
Seit der Jahrtausendwende wird diese Fassung immer häufiger aufgeführt. Zurecht, denn sie ist Bruckners originäre Vorstellung der Symphonie und damals unverstanden, weil schroff und ungewöhnlich aufgebaut (Edition: Nowak (1977)).

Fassung 1874
Zwischenfassung, die aufgrund mangelndem Erfolg von Bruckner entwicklet wurde.
Fassung 1876
Weitere Zwischenfassung.  

2. Fassung (1877)
In den Jahren 1876 und 1877 komponiert. Die meisten Wagner-Zitate wurde eliminiert und das Finale wurde gekürzt. Das Scherzo wurde ebenfalls verändert.
Die Nowak-Edition erschien erst 1981 und wird mittlerweile sehr häufigig aufgeführt. 

3. Fassung (1888/89)
Diese dritte Fassung wurde mit Franz Schalks "Hilfe" angefertigt, gilt aber dennoch als authentische Fassung, die zumindest früher oft aufgeführt wurde. In dieser 3. Fassung wurde vor allem erneut stark gekürzt, vor allem im Finale.

Symphonie 4
(Es-Dur, "Romantische")

1. Fassung (1874) - Originalversion
Vom 2. Januar bis 22. November 1874 geschrieben. Das Scherzo ist eine vollkommen andere Komposition als die spätere (und weithin bekannte) Version mit dem markanten Hornmotiv ("Jagdmotiv"), die insbesondere für den Titel verantwortlich ist...
Diese Fassung ist, obwohl sie die ursprünglichen Gedanken Bruckners widerspiegelt , weniger ansprechend als die späteren Fassungen. Sie wird seit einigen Jahren nichtsdestotrotz häufig aufgeführt (Edition: Nowak (1975)).

1878 Version
Scherzo / Trio sind komplett ersetzt. Der Kopfsatz, das Andante und das Finale wurde erheblich umgearbeitet. Das Finale ("Volksfest") wurde separat veröffentlicht (Edition Haas und Novak).

Erste Aufführungsfassung
In 1880 wurde ein neues Finale eingefügt, dass seitdem Verwendung findet.

2. Fassung (1881) (Haas "1878/1880")
Nach der Uraufführung nahm Bruckner einige Änderungen im Andante und Finale vor und ist die zweite Aufführungsfassung.
Diese Fassung wird für gewöhnlich auch als "Fassung 1878/1880" bezeichnet und ist sehr verbreitet. Herausgeber war Hass (1936).
2. Fassung (1886) (Novak "1878/1880")
Die Fassung weist nur einige wenige Änderungen zur 1881er Version auf. Sie wurde von Novak 1953 veröffentlicht und wird ebenfalls häufig aufgeführt . Herausgeber war Novak (1993).

Revidierte Version 1887-88
Ferdinand Loewe beeinflusste Bruckner dieser Fassung zu erstellen.
Ferner fertige auch Gustav Mahler eine revidierte Fassung in 1888 an.
In der "Korvstedt-Edition 1888" wurden fremde Einflüsse eliminiert. Karajan verwendet in der Exposition des Kopfsatzes Elemente dieser 1888er Partituren.

Symphonie 5
(B-Dur, "Katholische")

Urfassung
Die erste Fassung wurde von Februar 1875 bis Mai 1876 komponiert. Das die spätere Fassung von 1878 auf den gleichen Bögen erstellt wurde, ist diese Fassung nicht wieder komplett herstellbar, sie scheint aber aus diesem Grund auch nicht Bruckners letztem Willen zu entsprechen.

Originalfassung 1878 (Standardversion)
Diese Fassung wurde von Bruckner auf den alten Bögen bis November 1878 angefertigt worden. Sie sind als Haas (1935) und Nowak (1952) Edition veröffentlicht und stellen die regelmäßig aufgeführte Fassung der Symphonie dar.

Revidierte Versionen
Eine offizielle Fassung aus 1892 bis 1894 wurde von Franz Schalk erstellt. Sie wurde 1896 von Doblinger als erste Ausgabe veröffentlicht. Bruckner hatte wenig mit dieser Fassung zu tun und sie ist auch deshalb nicht authentisch. Sie wird nur selten aus "historischen", Gründen aufgeführt. Ferner gibt es eine Version, die für eine einstündige Radiosendung erheblich gekürzt wurde.
Kein Kommentar.

Symphonie 6
(A-Dur, "Die Majestetische")

Originalfassung
Bruckner komponierte die Symphonie von September 1879 bis September 1881. Sie wurde nie von Bruckner geändert.
Die Editionen Haas (1935) und Nowak (1952) haben kaum Unterschiede.

Symphonie 7
(E-Dur, "Sehnsucht")

Urversion
Komponiert zwischen dem 23. September 1881 und 10. August 1883.
Die erste Aufführung fand in Leipzig mit dem Dirigenten Arthur Nikisch am 30. Dezember 1884 statt. Wie in der 5. Symphonie wurden Änderungen später auf den Originalbögen vorgenommen und können nur bedingt wieder hergestellt werden.

Orginalfassung (1885)
Durch den Einfluß seiner Anhänger (Schalk, Loewe, and Nikisch) änderte Bruckner kurz nach der Premiere die Partitur. Die Änderungen sind aber eher unwesentlich.
Diese Fassung wird regelmäßig aufgeführt.

Symphonie 8
(c-moll, "Apokalyptische")

1. Fassung (1887)
Die Originalfassung wurde von Oktober 1884 bis August 1885 komponiert. Weitere bedeutenden Änderungen von Bruckner wurden bis Juli 1887 vorgenommen. Die Erstausgabe (Nowak (1977) wird bislang relativ selten gespielt, aber jüngst mit zunehmendem Wohlwollen.

2. Fassung (1890)
Wurde von Bruckner und Josef Schalk angefertigt, nachdem es durch Hermann Levi und anderen scharfe Kritik nach der Uraufführung gab.
Der erste Satz wurde daraufhin neu verfasst, inbesondere klingt der Satz im piano aus, statt wie in der 1. Fassung in forte.
Erhebliche Änderungen und Kürzungen gibt es auch im Adagion und Scherzo.

Die sogenannte Hass-Fassung (oder: Hass-Edition) ist eine Mixfassung aus der 1887 und 1890, in der Hass alle Änderungen, die durch fremde Einflüsse entstanden sind, eliminiert wurden, Bruckners eigene Revisionen aber beibehalten wurden. Hier unterscheiden sich die Ausgaben der Herausgeber Hass (1935) und Novak (1955) deutlicher als sonst.
Es gibt etliche Dirigenten die die Haas, andere, die die Novak Edition aufführen.

Revidierte Versionen
In 1892 wurde diese Fassung anhand von Vorschlägen Schalks angefertigt, dem Bruckner leider oft nachgab. Sie enthält viele Änderungen der Instrumentation und Spielanleitungen. Sie wurde bei der Premiere gespielt, ist aber heute nur von achivarischem Wert. Die Dirigenten Furtwängler und Klemperer hatten ebenfalls eigene Fassungen angefertigt.
Ferner gibt es ein Adagio aus 1888, das 2004 von Naito eingespielt wurde.

Symphonie 9
(d-moll, "Leben und Tod" / "Dem lieben Gott")

Als Bruckner im Oktober 1896 starb hatte er drei Sätze komplett beendet und bereits gut zwei Jahre an dem Finale gearbeitet, vom dem viel Material hinterlassen ist.

Originalversion
Die ersten drei Sätze sind zwischen September 1887 und November 1894 komponiert worden.
Die Editionen von Orel (1932), Nowak (1951) und Cohrs (2008) weisen nur Korrekturen am Originaltext Bruckners auf.

Die Symphonie ist unvollendet tradiert, es gibt aber eine erhebliche Anzahl von Klavierauszügen, Fragmenten sowie etliche komplette, fertige Partiturbögen, die den Satzverlauf und die Musik im Wesentlichen widergeben.
Folgerichtig sind deshalb mehrere "authentische" Aufführungsfassungen / Rekonstruktionen des Finales erstellt worden.
Ferner gibt es "Fremd-" Kompositionen, die zwar auf einige Finale-Fragmente zurückgreifen, aber im Wesentlichen nicht als abschließender Satz tauglich sind, weil Sie weder satztechnisch noch musikalisch zu den vorhergenden Sätzen passen.

Revidierte Version
1903 wurde die Partitur Bruckners nach dessen Tod von Ferdinand Loewe erheblich überarbeitetund wurde als Premiere der IX. Symphonie zunächst in dieser Form aufgeführt . Sie weist dramatische Änderungen zu Bruckners Werk auf! Die Eingriffe verändern vor allem den gesamten Charakter des Werkes und sind wie die anderen Versionen ein Sakrileg. Sie wird heute glücklicherweise allenfalls als "historische Fälschung" eingespielt.

 

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