Zu guter Letzt

Manchmal wird kolportiert, dass dieses Finale eben nicht 100%ig Bruckner.
Dazu einmal folgender (nicht ganz ernstgemekinter) Vorschlag:
Man stelle sich doch einfach vor, dass man Bruckners 9. Symphonie mit den Sätzen hört:

1 Feierlich, Misterioso
2 Scherzo: Bewegt, lebhaft - Trio: Schnell - Scherzo
3 Adagio: Langsam, feierlich
Und anschließend höre man, ohne Unterbrechung, als eine "Zugabe" den "symphonischen Satz" des Komponisten-Teams Samale, Phillips, Mazzuca und Cohrs mit der Bezeichnung:
Finale: Misterioso, nicht schnell

(also nicht, wie üblich "Finale der Neunten Symphonie von Anton Bruckner in der Rekonstuktion von...)

Ich bin ziemlich sicher, dass die überwältigende Mehrheit dies dann sinngemäß in etwa so kommentieren würde:
"Diese Zugabe... ich weiß nicht - Das Werk hört sich aber sehr, sehr stark nach Bruckner an. Das ist ein Plagiat des Finales!".

Oder man stelle sich mal vor, es würde gar so veröffentlicht? Welchen Proteststurm dann die gleichen, oft negativ eingestellten Musik-Kritiker losbrechen, die aktuell eine Rekonstruktion ablehnen, weil sie vernagelt sind:
"Das ist ein 100%-iges Bruckner-Plagiat"
oder
"SPCM imitieren Bruckner exakt. Sie kopieren Bruckner, dass es nur so brucknert. Da ist rein gar nichts originäres, nichts eigen orginelles. Es ist einfach nur Bruckner"
und womöglich schließlich:
"Es ist leider zu vermuten, das die sog. Komponisten SPCM im Besitze des gesamten verschollenen Finalsatzes von Bruckners 9. Symphonie sind und diese bösen Buben diese vorzügliche, vollendete - ja: geniale und höchstpunktmarkierende - Musik Bruckners als Ihre eigene verkaufen".

Beati pauperes spiritu...

NB. In einer CD-Veröffentlichung von Warner der 9.ten Symphonie fehlt - editorisch ein krasser Fauxpas! - jeder Hinweis auf eine Rekonstruktion. Hier wurde die Symphonie schlicht 4-sätzig herausgegeben. Dies ist sozusagen die Umkehrung meines provokanten Vorschlags, weil hier weniger informierten Käufern schlicht vorgegaukelt wird, es handle sich um eine ganz normale Symphonie. Allerdings bin ich überzeugt, dass sich die wenigsten Ersthörer über einen seltsam klingenden vierten Satz wundern oder gar beschweren...

Fazit eines begeisterten Anhängers: Die Symphonie ist beendet. Ego locutus, causa finita!

 

Aufführungen (der rekonstruierten Neunten)

Seit 2005 bis Ende 2011 (letzte Aktualisierung dieser Seite: 1.8.2011) hat es mittlerweile etliche Aufführungen der vollendeten Neunten gegeben.
In London, Stockholm und in vielen Städten Deutschlands fanden hervorragende Konzerte statt, die vom Publikum begeistert aufgenommen wurden. Einige davon wurden im Radio übertragen oder sind auf CD erschienden.
Dies ist eine sehr zu begrüßende Entwicklung. Zumal die durchweg guten Interpretationen mitterweile ermöglichen, Torso-Veröffentlichungen weitgehend zu vermeiden (Überspitzt gesagt, haben Rumpf-Versionen nur noch eine ähnliche Bedeutung wie Klassik-Sampler, auf denen eingängige Kopfsätze verschiedener Symphonien kompiliert werden).

Und wer die alten Hörgewohnheiten dennoch pflegen mag, kann nach wie vor problemlos nach dem Adagio "STOP" drücken oder den Konzertsaal geräuscharm verlassen ...

Eine kleine Auswahl verfügbarer CDs des SPCM-Finales (alle sind gut):

- Inbal/RSO Frankfurt (Erste Version 1984) / Teldec
- Layer/Mannheim (Version SPCM SC 2008) / DLF
- Eichhorn/Brucknerorchester Linz (Version 1992) / Camerata
- Bosch/Aachen (Version SPCM SC 2007) / Corvellio
- Wildner/Neue Philharmonie Westphalen (Version SPCM 1992) / Naxos

 

Vertiefendes, weiterführendes zu Anton Bruckner

Wesentlich bessere, weil fachlich viel fundiertere, Einführungen und Darstellungen zum Thema "Finale der 9. Symphonie", aber auch natürlich zu seinem "vollendeten" Gesamtwerk und Leben, findet man in den Essays des Musikwissenschaftlers B.-G. Cohrs, der mir einige die Texte zur Veröffentlichung auf dieser Homepage zur Verfügung gestellt hat.

Ferner finden sich auf den nachfolgenden Seiten (Untermenüs) eine Literaturliste sowie interessante Internet-Links (ohne Gewähr).

Und schließlich ist es für tiefergehend Interessierte natürlich auch sinnvoll, die Notentexte/Partituren zu studieren. Sie sind u.a im österreichischen musikwissenschaftlichen Verlag der int. Bruckner-Gesellschaft erschienen und sind beim Musikhaus Doblinger sowie Musikhaus Fröhlich zu beziehen.