Ich persönlich favorisiere die Version von SPCM sehr und mehr, weil mich insbesondere die Umsetzung der Coda „ästhetisch“ enorm anspricht. Beim Hören dieses gesamten Finales habe ich zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, hier wäre ein Musikstück zu hören, dass nicht ausschließlich von Bruckner stammt. Und dies sollte die Meßlatte sein, gleichwohl sie natürlich subjektiv ist. Ich bin aber überzeugt, dass dies 95% aller Klassikliebhaber und speziell vielen, immer mehr werdenden Brucknerliebhabern so geht. Dem Carragan-Finale kann ich zwar auch viel abgewinnen, es klingt aber m.E. zu „wagnerisch/mahlerisch“ am Schluß, also weniger authentisch: Das technisch sauber rekonstruierte Finale von SPCM ist sicherlich als eine „1. Fassung“ des Finales zu beschreiben/deuten und auch musiktheoretisch vorzuziehen.

Und gänzlich nur in Bruckners Personalstil nachvertonte Musikstücke, die als „Finale“ den 3 Sätzen angefügt werden, sind indes strikt zu unterlassen. Ein solcher Ansatz wird derzeit von einem deutschen Komponisten verfolgt, dies wurde mir vom Anton Bruckner Institut bestätigt. Dies ist m.E. aber Häresie und plumper Mediendrang. Dann wirklich lieber das Torso, das ja schon gewohnheitsmäßig nicht unbrauchbar ist.

SPCM
Im Jahr 2005 wurde (siehe andere Seiten dieser Homepage) eine Neu-Ausgabe (NA) der Rekonstruktion (die bislang nicht gespielt oder gar aufgenommen wurde) veröffentlicht. Lediglich die Partitur dieser Finalversion liegt mittlerweile vor, die mit höchst schlüssig und penibel dargestelltem Nachweis zu den Ergänzungen im Textteil auch für Nicht-Musiker den Notentext und Komplettierungsprozeß nachvollziehbar macht. Anm.: Am 22.9.2005 soll, im Rahmen des Brucknerfestes in Linz diese Version eine Weltpremiere durch Thomas Schmögner in einer Orgeltranskription der gesamten Symphonie erfahren. Die „originale“ Orchesterfassung wird erstmals am 3. Dezember 2005 in London erklingen, gespielt vom Fulham Symphony Orchstra unter der Leitung von Marc Dooley.
Es gibt daneben folgende wesentliche Fassungen der Finalrekonstruktion von SPCM (und Carragan), die alle bislang aufgeführt wurden oder mitunter auf Tonträgern erhältlich sind und waren:
1. Samale & Mazzuca: 1985 („Urfassung“ der Rekonstruktion), von Ricordi herausgebracht.
2. Revidiert von Samale und Cohrs 1986-89.
3. Gründlich verbessert von Samale, Phillips, Cohrs und Mazzuca 1990/91, veröffentlicht 1992.
4. Revidiert von Cohrs 2001 und 2002.
(a. Carragan 1984)
(b. Revidiert von Carragan 2002)

Alle diese Versionen sind der aufoktroyierten Stille vorzuziehen. Stille gehört woanders hin! Wer der Meinung ist, er müsse den Finalsatz nicht hören, kann nach dem Adagio abbrechen (zum Beispiel den Saal verlassen, die Stop-Taste des Players drücken oder die CD mit dem Finalsatz in den Mülleimer schmeißen).
Wer der Meinung ist, dass die Symphonie mit vier Sätzen dann zu lang sei (oder zu anstrengend ist), der soll Boyce hören. Diese Sinfonien haben eine Aufführungsdauer von 5-10 Minuten.
Wer meint, dass nach dem Adagio nichts mehr kommen kann und dies insbesondere auch Bruckners kompositorischer Endwille sei, also der 3. Satz von Bruckner selbst schon als Schlußsatz komponiert worden sei, für den ist zu überlegen, ob er nochmals die Grundschule besuchen sollte, damit er die Chance zum Lesen lernen ergreifen kann. Nie ist es zu spät.
Das klingt überheblich. Egal. Gestützt auf Fakten und Logik und damit auf Wahrheit, darf man diese charakterliche Negativgrenze auch mal überschreiten, mit ihr im Gepäck kann man auch mal von der Höhe der Erkenntnis herabsehen.

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