Die Interpretation (hier: Kurzfassung, Stand Mai 2005):

Die beiden ersten Sätze beschreiben das "Diesseitige". Das Leben und das Irdische.
Die Sätze 3 und 4 beschreiben das "Jenseitige". Das Sterben und den Himmel.
Das Te deum ist der "Jubelgesang" als devote Ergebung seines Gottes.

1. Satz

Der erste Satz beginnt als "Schöpfungsprozeß" und ist prinzipiell aufgebaut, wie die meisten symphonischen Anfänge Bruckners: Dem sog. "Ur-Nebel".

Aus diesem entwickelt sich allmählich das Thema und der symphonische Satz.
Die Entwicklung des gesamten Anfangs kann man als musikalische Umsetzung des Schöfungsaktes aus der Tora (bzw. des Buch Genesis) verstehen.

Der Satz insgesamt kann als irisches Paradis und Natur empfunden werden.

2. Satz

Der zweite Satz wird - nicht zu unrecht - als Bruckners ungewöhnlichster Satz überhaupt bezeichnet. Er ist formal eine fast expressionistischer Satz mit schroffen Rhytmen und donnerndem Stakkato.
Das Trio im Mittelteil ist ein mystischer-diabolischer Tanz. Er kann als Intermezzo und Gegenpol zum Choral-Thema des ersten Satzes gedeutet werden, der als weihevoll Verherrlichung des göttlichen verstanden werden kann.

In diesem Satz nimmt Bruckner die Zerstörung der Natur durch den Mensch vorweg und beschreibt fast lautmalerisch den Maschinen-Stampf des industriellen Zeitalters. Somit steht der zweite Satz als die vom Menschen (ins negative) veränderte Erde, im Gegensatz zum ersten Satz, der die göttliche Natur repräsentiert .

Die infernalischen Wiederholungen treiben impulsiv nach vorne.
Im Mittelteil hört man mit satanisch-filigran Luzifer tanzen, der quasi einen Freudenreigfen seines Werkes feiert.

3. Satz

Der dritte Satz, den Bruckner als "Abschied vom Leben" beschrieb, ist ein melancholisches Vermächtnis dass zwischen Hoffung (Himmelsreich) und Bangen (Purgatorium) schwankt - Schuld und Sühne sind zentrale Momente und Fundamente des Katholizismus . Deutlich pocht das "Schicksal" an Bruckners Pforte.

Zum Ende des Satz haucht der Lebensgeist aus dem Sterbenden. Der Tod.

4. Satz

Der vierte Satz beginnt, wie der dritte endete: Mit einem leisen anklingen.
Der Tote befindet sich in einem Übergangsstadium (würde Bruckner etwa dem hellenistischen Glauben zugesprochen haben, würde man den Fähre über den Styx bemühen wollen).
Man/Er weiß noch nicht, welches "jenseitige Schicksal" ihn erwartet, ob seine Lebensleistung vor seinem Gott positiv angenommen oder als unwürdig verworfen wird.

Doch im Verlauf des Satzes entwickelt sich eine emphatisch erleicherte Haltung, der insbesondere durch den fulminaten unisono Choral eine überwältigende Wirkung hervorruft.
Wenn Bruckner jetzt das Kreuzmotiv (aus seinem Te Deum) zitiert, so deutet er damit den Dank an seinen Gott aus.

In der (nicht überlieferten oder verlorengegangenen) Coda [an dieser Stelle muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass es sich um die Version Samale/Phipllips/Cohs/Mazzuca handelt !] wird deshalb - gleichsam musikästhetisch wie inhaltlich - zurecht diese zentrale Motiv als Basis (in den Streichern) verwendet.
Diese Coda verweist schließlich auf das Te Deum selbst hin.

Bruckner steigt innerhalb des Satzes also quasi "gen Himmel ins jenseitige Paradies" auf.

Te Deum

Das Te Deum als Abschluß gehört zwar nicht der Symphonie an sich an - dies widerspräche der strikten 4-Sätzigkeit der symphonischen Konstruktion Bruckners - aber sowohl durch die Motiv-Verwendung als auch durch Bruckners Anweisung selbst (ersatzweise also das Te Deum als Schuß der Symphonie zu verwenden), erlauben es, das Te Deum interpretatorisch günstig respektive ideal als Ende der Symphonie zu denken.

Hier "singt" Bruckner sozusagen vor seinem Gott und bedankt sich, dass er an seine Seite treten darf.

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