In anderen Bereichen der Naturwissenschaften und Künste sind Rekonstruktionen weitaus mehr akzeptiert als im Bereich der Musik: In der Medizin sind Opfer, die Teile des Körpers verloren haben, dankbar für die plastische Chirurgie mit ihren modernen Transplantationstechniken. Auch in der forensischen Pathologie sind solche Verfahren von größtem Wert. Besonders anschaulich machte das eine beliebte Fernsehserie 1977 der breiten Öffentlichkeit verständlich: Gerichtsmediziner Dr. Quincy rekonstruierte in dem auf realer Grundlage basierenden Film „The Thigh Bone´s Connected to the Knee Bone...“ anhand eines einzigen Oberschenkelknochens das vollständige Aussehen eines Mordopfers und kam dadurch dem Täter auf die Schliche. Solche Techniken sind auch in der bildenden Kunst und der Archäologie anerkannt: Wenn ein Gemälde oder eine Skulptur beispielsweise durch einen Säureanschlag beschädigt werden, tun Restauratoren ihr Möglichstes, den Originalzustand wieder herzustellen. Rekonstruiert und ergänzt werden auch archäologische Funde, Torsi von Statuen, Mosaike und Fresken, Schiffswracks, ja sogar ganze Schloß-, Kirchen- oder Tempelanlagen und Siedlungen.
Der Dirigent, Komponist und Publizist Robert Bachmann hielt es deshalb in einem Interview auch bei Fragmenten in der Musik geradezu für eine Pflicht der Nachwelt, ein solches „kulturelles Erbe weiterzutragen und so weit zu sichern, wie das nach den künstlerischen Prämissen einer fundierten Aufführungspraxis erforderlich ist. [...] Eine akribische, nach wissenschaftlichen Erkenntnissen zu bewerkstelligende Rekonstruktion [...] ist nicht nur legitim, sondern das muß man tun, erst recht im Bereich der Musik, denn sie ist ein lineares Medium, das sich in der Zeit manifestiert. Man sollte deshalb ein Werk nicht abbrechen lassen, wenn man es weitgehend zu Ende gebracht vor sich liegen hat, und wenn man durch gesicherte Erkenntnisse weiß, wie der Schluß im Entwurf hätte sein sollen.“ Hier sprach Bachmann bereits ein wichtiges Kriterium für eine posthume Vervollständigung an: Wie bewertet man das erhaltene Originalmaterial, und ist genug für eine ausreichend gesicherte Ergänzung vorhanden? Weitere Kriterien könnten sein: Handelt es sich um ein Fragment durch mangelnde Überlieferung oder durch biographische Umstände (Krankheit, Tod)? Und vor allem: Hatte der Komponist selbst explizit die Absicht, das Werk zu vollenden oder nicht?

Bruckners Neunte hält einer Überprüfung anhand solcher Kriterien in allen Punkten mühelos stand: Er arbeitete mit aller Kraft über ein Jahr lang an dem umfangreichen Satz, der den Manuskripten nach den Kopfsatz der Neunten an Länge noch übertroffen hätte. Er verfügte sogar selbst, im Falle seines vorzeitigen Todes sein 1884 beendetes Te Deum ersatzhalber als Finale zu verwenden – eine Verfügung, für die man eigentlich dankbar sein sollte: Welcher Komponist hat in einer solchen Situation schon derartige Vorsichtsmaßnahmen getroffen? Dies zeigt, wie wichtig ihm eine viersätzige Darbietung der Neunten mitsamt eines finalen ,Lobgesangs‘ war. Robert Bachmann kritisierte mithin völlig zu Recht in scharfen Worten den üblichen Umgang mit der Neunten in der Musikpraxis: „Aufgrund dessen, was wir von der Geschichte des Finalsatzes kennen, mußte er unbedingt in irgendeiner Weise aufführungsfähig hergerichtet werden. Es ist nachgerade ein barbarischer Akt, es bei dieser unglücklichen Situation zu belassen und zu behaupten, das Werk wäre mit dem Torso der drei Sätze "vollendet".“ Doch leider hat sich diese Praxis so fest eingebürgert, daß es nur selten zu Aufführungen der Neunten mitsamt Te Deum kommt – vom Einbezug einer Aufführungsfassung des Finales ganz zu schweigen.
Die 1985 erstmals von Nicola Samale und Giuseppe Mazzuca vorgelegte, dann stufenweise weiter optimierte, 1992 nunmehr vom ,Editorial Team‘ Samale-Phillips-Cohrs-Mazzuca veröffentlichte Vervollständigung hatte es bisher nicht leicht: Trotz beinahe 50 Aufführungen und Produktionen selbst in bedeutenden Metropolen wie Amsterdam, Berlin, Brüssel, Frankfurt, London, München, Moskau und Tokyo hat sich zumindest der gehobene Musikbetrieb noch nicht dafür interessiert. Sogenannte Star-Dirigenten lassen in der Regel die Finger vom komplettierten Finale – warum dies so ist, sei dahingestellt. Als prominenteste Dirigenten wären wohl Peter Gülke, Philippe Herreweghe, Eliahu Inbal und Gennadij Roshdestvenskij zu nennen. Auch nur wenige professionelle Kritiker konnten sich bisher mit der Komplettierung anfreunden. Sie ist in der ,musikalischen Öffentlichkeit‘ nach wie vor umstritten, obwohl grundlegende Informationen dazu in Gestalt von Text- und Noten-Veröffentlichungen, CD-Einspielungen und Aufführungen nunmehr seit Mitte der Achtziger Jahre bekannt wurden.

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