Neue Bewegung in die Kontroverse brachten zwei im Herbst 2003 erschienene internationale CD-Einspielungen – die Ersteinspielung der kritischen Neuausgabe der ersten drei Sätze des Autors (2000) mitsamt der lückenhaft belassenen ,Dokumentation des Finale-Fragments‘ von John A. Phillips (1999), gespielt von den Wiener Philharmonikern unter Nikolaus Harnoncourt (RCA/BMG 82876 54332 2) sowie die komplettierte Aufführung der Neunten einschließlich der Vervollständigung durch Samale et al. (1992) mit der Neuen Philharmonie Westfalen unter Johannes Wildner (Naxos 8.555933-34). Zur gleichen Zeit erschien außerdem der Musik-Konzepte-Band 120-22 „Bruckners Neunte im Fegefeuer der Rezeption“ (Edition Text und Kritik, ISBN 3-88377-738-2), der die jüngeren Ergebnisse der Quellenforschung zusammenfaßt und verschiedene Aufführungsfassungen wie auch das erhaltene Material des Finales im Particell vorstellt. Zu diesen drei Publikationen sind allein im Deutsch- und Englisch-sprachigen Kulturraum zwischen Sommer 2003 und 2004 weit über 100 Berichte und Rezensionen erschienen. Allerdings hat sich hier die Musikkritik, wie man leider konstatieren muß, überwiegend ein erneutes Armutszeugnis ausgestellt. Zwar finden Kritiker inzwischen zumindest zur Einspielung des Fragments durch die Wiener Philharmoniker unter Harnoncourt einsichtige und wohlwollende Worte, oft genug allerdings faktisch kaum reflektierte Lobgesänge. Die Rezensionen zur Naxos-Einspielung zeigen hingegen eine Pflege der seit langem bekannten Vorurteile auf – oft die Kritik an der Vervollständigung dazu benutzend, die künstlerische Qualität des live-Mitschnitts gleich mit zu erledigen, zum Teil gar mit beleidigenden Ausfällen und persönlicher Diffamierung. Ein abenteuerliches Spagat des Wiener Kritikers Walter Dobner bringt das naive Festhalten der Kritik am liebgewordenen Klischee auf den Punkt. In den Mitteilungsblättern der Bruckner-Gesellschaft resümierte er im Dezember 2003: „Trotzdem ist dieser von Harnoncourt gewählte Weg, aufzuführen, was vorhanden ist und daraus Perspektiven zu erschließen, nicht unproblematisch. Wird doch der Eindruck erweckt, Bruckners Neunte wäre unvollendet, was sie trotz ihrer drei Sätze ebensowenig ist [sic!] wie andere unvollendete Werke“...

Nur ausnahmsweise haben sich die Autoren gründlich informiert – wenn nicht überhaupt angesichts von Argumenten Für und Wider des Finalsatzes auf jegliche Einschätzung der künstlerischen Leistung völlig verzichtet wurde. In der Regel wurde eine Debatte der Fakten weiterhin verweigert; stattdessen gibt es eine deutliche Tendenz, auf aesthetische Grundsatzerwägungen auszuweichen und Schein-Argumente auf der Ebene einer Stellvertreterdebatte anzusiedeln. Besonders auffällig: Erst die Tatsache, daß der angesehene Nikolaus Harnoncourt mit den Wiener Philharmonikern – quasi den Gralshütern abendländischer Orchestertradition – das Finale der Neunten aufgeführt und eingespielt hat, scheint den Satz selbst überhaupt erst salonfähig zu machen. Über die Hälfte der Berichte sind allein dazu erschienen, und kaum ein Kritiker wagte in diesem Fall mehr, das Niveau von Bruckners eigener Musik oder den grundsätzlichen Wert der Dokumentation in Frage zu stellen.
Dem entgegen steht die Tatsache, daß die immerhin seit 1994 in der Gesamtausgabe erscheinenden Quellen zur Neunten (einschließlich einer Faksimile-Ausgabe der Finale-Manuskripte sowie einer kritischen Neuausgabe und des Revisionsberichts zum ersten bis dritten Satz) noch immer so gut wie gar nicht rezensiert oder in Fachkreisen öffentlich diskutiert worden sind – ähnlich wie bereits 1934 der Band ,Entwürfe und Skizzen‘ von Alfred Orel, der bereits den größten Teil des Finale-Materials enthielt. Es dürfte vielmehr noch Jahre dauern, bis die hier gelieferten Informationen eine gewisse Verbreitung finden. Zudem haben die Musiker, wie Nikolaus Harnoncourt herausstellte, heute noch keinerlei Spielerfahrung mit dem vierten Satz, und so ist es in gewisser Weise sicher zu früh, schon über Konsequenzen der Veröffentlichung des Finales für die Rezeption der Neunten zu reden. Andrerseits ist auch klar, daß noch enorme Aufklärungsarbeit geleistet werden muß, wenn man Bruckners eigene, von der Kritik immer noch hinweg interpretierte Absichten mit der Neunten begreifbar machen möchte – wenn das weitgehende Desinteresse der Rezeption nicht ohnehin bereits den Ausdruck einer Kapitulation vor der Über-Fülle an neuen Informationen und Material zum Thema darstellt: Sogar die renommierte Bruckner-Forscherin Elisabeth Maier legte im Juni 2004 in einer Rezension ganz unverhohlen und sehr entlarvend nahe, daß es sicher nicht wenige Kollegen gäbe, „die sich nicht durch die insgesamt zehn Bände zur Neunten [...] durchackern können oder wollen.“

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