Das Publikum hingegen reagiert überwiegend positiv auf die Möglichkeit, die bisher verloren geglaubte Musik des Finales klingend erleben zu dürfen. Davon zeugen zahlreiche Zuschriften an die Herausgeber ebenso wie verschiedene Äußerungen in Foren des Internet. Stellvertretend möge hier Gerd Faßbender aus Mönchengladbach zu Wort kommen, der im Sommer 2004 schrieb: „Mein Anliegen ist es, Ihnen und Ihrem Mitarbeiterteam, die Sie das Finale der 9. Sinfonie rekonstruiert haben, einmal von ganzem Herzen zu danken für diese wundervolle Arbeit. Wie alle Musikenthusiasten und Brucknerverehrer war auch ich immer der Meinung, die 9. Sinfonie würde für ewig unvollendet bleiben, was in gewisser Weise ja auch noch zutrifft. [...] Ich kann Ihnen kaum beschreiben, was beim Anhören der vollständigen Fassung in mir vorging. Ich hatte schon viel über die ursprünglichen Pläne Bruckners mit diesem Finale gelesen. Was jedoch jetzt erklang, war einfach hinreißend herrlich, vor allem der Schluß, der nach dem scheinbaren Zusammenbruch sich aus dem Nichts erhebt zu einer Schönheit, die jeden Musikhörer einfach bewegen muß. Welche Rolle spielt es da noch, daß nicht alles zu 100% von Bruckner stammt? Ganz unvoreingenommen: Wüsste man nicht, daß Bruckner das Finale nicht hat vollenden können, man würde nicht merken, daß es sich bei der Musik, die jetzt vorliegt, um eine rekonstruierte, also nicht ganz authentische Fassung handelt, so kongenial haben Sie und Ihre Mitarbeiter den Brucknerschen Ton getroffen. Ich wünsche Ihrer Arbeit jetzt vor allem viele Aufführungen, denn ich kann es mir nicht vorstellen, daß die Herren Dirigenten an dieser Finalfassung vorbeikommen können, ohne sich dem Vorwurf aussetzen zu müssen, besserwisserisch zu handeln, wenn sie an der bisherigen dreisätzigen Fassung festhalten. Das Te Deum, wie von Bruckner gewünscht, wird eh nie als Finalsatz gespielt. Aber hier wäre ja wirklich eine Chance, dem breiten Musikpublikum die Herrlichkeiten des ursprünglichen Finalsatzes nahezubringen.“

Gleichwohl hat das Editorial Team um Nicola Samale manche in Teilen vielleicht berechtigte Kritik durchaus ernst genommen. Dementsprechend wurde die Aufführungfassung seit 1992 in zahlreichen Details diskutiert und weiter ausgefeilt. Auch die Quellen wurden einer neuen Durchsicht und Bewertung unterzogen. Der Autor hatte überdies Gelegenheit, das Finale selbst mit verschiedenen Orchestern aufführen und zahlreiche praktische Erfahrung damit sammeln zu können. Zu diesen Gelegenheiten probierte er bis 2002 verschiedene Überarbeitungs-Stadien aus. Als Resultat dieses langjährigen Prozesses erscheint schließlich anläßlich von Bruckners 180. Geburtstag am 4. September 2004 eine kritische Neu-Ausgabe der Aufführungsfassung, an der übrigens Dr. Phillips auf eigenen Wunsch und aus persönlichen Gründen nicht mehr beteiligt war. Diese Neu-Ausgabe hat das Ziel, der von manchen Kritikern angemerkten Blockhaftigkeit gegen Ende entgegenzuwirken und den Satz durch eine gründliche Überarbeitung der Ergänzungen noch stärker zu einem einheitlich wirkenden Ganzen zusammenzufügen. Tempi, Dynamik und Artikulation wurden aufgrund der Erkenntnisse, die der Autor im Rahmen seiner Studien für die Neuausgabe zu Bruckners Aufführungspraxis gewonnen hat, gründlich überarbeitet, um ein noch stil-näheres Ergebnis zu erzielen.

Des Weiteren ist es nunmehr gelungen, zwei der durch den Verlust einzelner Partiturbogen entstandenen bisherigen Lücken im Verlauf von Exposition und Fuge vollständig aus bisher unberücksichtigten Originalskizzen zu schließen. Damit erhöht sich der Gesamtanteil originaler Musik deutlich: Von den 665 Takten dieser Neu-Ausgabe sind 554 Takte von Bruckner selbst (208 Takte fertige, 224 Takte noch unvollständige Partitur sowie 122 Takte Verlaufsentwürfe). Von den zu ergänzenden 111 Takten konnten noch 68 aus der Reihung, Wiederholung, Sequenzierung oder Transposition von Originalmaterial gewonnen werden; nurmehr 43 Takte wurden von den Herausgebern ohne direkte Vorlage synthetisiert, weniger als zwei Drittel des Ganzen nachträglich instrumentiert. Diese 111 Takte entsprechen ca. 17% des Finale bzw. 5,4 % der Sinfonie oder gerade einmal 4 Minuten Musik. Die unternommenen Rekonstruktions- und Ergänzungsarbeiten fallen also weit geringer aus als vergleichsweise diejenigen Franz Xaver Süßmayrs an Mozarts Requiem KV 626: Von Mozart liegen lediglich 81 Takte fertig instrumentiert sowie 596 Takte in Vokalsatz und Generalbaß vor. 187 der 864 Takte (=ca. 22% oder 11 Minuten Musik) wurden hingegen von Süßmayr komponiert, 783 Takte – also fast das gesamte Werk – von ihm orchestriert. Doch ungeachtet dieses hohen Fremdanteils ist Mozart/Süßmayrs Requiem ausgesprochen populär; mithin wird in Sachen Bruckner mit zweierlei Maß gemessen.