Fragmente in der Musik : Die Unvollendeten

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"WWW" mal anders. Die Frage, wie sich Dinge entwickelt hätten, wenn andere Umstände eingetreten wären, also welche Wirkung veränderte Ursache gehabt hätten, ist das wohl eines der beliebtesten philosophischen Denkspiele für jung und alt, für reich und arm, für die elaborierten Philosophen und das philosophierende Präkariat.

Hierzu drei allgemeine Beispiele, die nichts mit Musik zu tun haben und zu drei ganz unterschiedlichen Epochen gehörig:
1) Was wäre gewesen, wenn vor 4,6 Milliarden Jahren der Asteroid etwas seichter (oder schärfer) gegen die Ur-Erde gerammt wäre?
2) Was wäre gewesen, wenn die päpstlichen Verfolger Martin Luthers diesen gemeuchelt hätten, bevor er seine Thesen von der Absurdität des Ablaßhandels veröffentlicht hätte und die den Klerus dann veranlassten diese Praxis abzuschaffen?
3) Was wäre, wenn Ypsilanti zur Ministerpräsidentin gewählt worden wäre?

Zum Glück lassen sich diese Fragen recht einfach beantworten (anders als die Fragen, des darauf folgenden Kapitels):

Die erste Frage beantwortet uns -beispielsweise- Herr Bush (nein: nicht Wilhelm B.), der diese groteske Frage als Hirngespinst erkären kann: Die Erde ist bekanntlich erst vor gut 6000 Jahren von einem intelligenteren Designer als ihm entwickelt worden (steht so schwarz auf weiß, und ist besonders nach Alkohol-Entzug erkennbar).

Die zweite Frage ist auch leicht zu beantworten: Nichts weiter! Der Sündenerlaß per Ablaßbrief wurde nämlich nie abgeschafft (Die Frage war also wohl falsch gestellt). Ablassbriefe sind als probate Maßnahme, der Hölle zu entkommen, nach wie vor gültig. Allerdings nur, wenn man römisch-katholischer Konfession ist. Da Evangelismus und Orthodoxie als Konfessionen vom Oberhirten allerdings nicht anerkannt werden - aus dessen Denksystem heraus eine schlüssige Meinung - gilt es damit also wieder für alle Christen. (Anmerkung: Dies kann man in aktuellen Veröffentlichungen PapaRazis' exakt nachlesen. Bedauerlich ist für den Klerus wohl nur, dass diese Einnahmequelle nicht für eine noch umfangreichere Sammlung roter Pöms ausreicht (in dieser "Sportart" bleibt also Imleda Marcos all time leader. Aber das ist ein anderes Thema))

Die dritte Frage ist ebenso banal, weil man bei genauer Hinsicht erkennt, dass es im "Land of the living dead" schlicht irrelevant ist, welcher Polit-Zombie gerade brutalstmöglich regiert, aufklärt und dabei nie irgend etwas wußte. Bleibt alles anders. Arme Mitte Deutschlands.

Fragen zu Fragmenten in der Musik und deren Antworten
Etwas schwieriger, mitunter diffizil, sind Antworten auf Frage was wäre, wenn ein Komponist ein Fragment als Werk vollendet/beendet hätte? (wäre er nicht gestorben oder hätte er das Fragment nicht bewußt beiseite legte).
Prinzipiell ist dies die Regel: Komponisten hinterlassen oft Werke unabgeschlossen (für die höchst spekulative Frage, was ein Komponist wohl noch erschaffen hätte, die unbegonnen waren, ist hier kein Raum). DEnn nur sehr wenige Komponisten haben ein Gesamtwerk komponiert und für sich beschlossen, dass man nichts mehr zu sagen hätte.

Nun ist es vor allem dann interessant, Antworten zu finden, wenn diese Komponisten zuletzt an "bedeutenden" Werken gearbeitet haben, bzw. wenn aus den Fragementen bedeutendes erkennbar wird.

Bei Beethoven beispielsweise interessiert vor allem, wie seine 10. Symphonie ausgesehen hätte. Denn mit der 9. schuf er ein grandioses Werk voller neuer Ideen und überwältigender Musik (allgemein gilt diese Neunte ja sogar als die bedeutendste Symphonie überhaupt). Schon weniger interessant sind Beethovens andere Projekte und zurückgelassenen Fragmente, wie die eines weiteren Tripelkonzerts, einer Oper und einigen Kammermusikwerken in "Standard"-Besetzung. Schleißlich kaum der Rede wert sind die vielen kleineren unvollendeten Stücke, etwa für Klavier, Lieder etc (Diese werden schon aus diesem Grund nicht "vervollständigt", weil sie keine öffentliche Bedeutung haben würden).
Die immense Bedeutung der 9. Symphonie verleitet also zu Rekonstruktionsversuchen der 10. Symphonie, obgleich die Fragmente kaum eine authentische Aufführungsfassung ermöglichen. Kaum? Gar nicht! Zurecht wurde nur der Kopfsatz zur Aufführung eingerichtet, um zumindest eine wage klangliche Vorstellung zu bieten, was an Skizzen zurückgelassen wurde.
Nachsatz: Weil es keine befriedigende Antwort auf diese Frage geben wird, hat sich die Nachwelt zumindest darauf "verständigt", dass man Brahms' 1. Symphonie als "Beethovens Zehnte" anerkennt....

Viele andere Komponisten hinterließen erheblich weiter fortgeschrittene Fragemente: Von kompletten Particellen/Klavierauszügen ganzer Symphonien bis hin zu fast ausinstrumentierten Werken, bei denen am Ende nur Details (Betonungen, etc) fehlen.

Beispiele (orchestraler) "Unvollendeter", die vollendet wurden, sind:
- Mozarts Requiem (das in der verbreitesten Rekonstruktion von Süßmayr komponiert wurde, aber auch von verschiedenen anderen Komponisten gelungen vollendet wurde)
- Mahler 10. Symphonie (die über 5 verschiedene Komponisten rekonstruiert, ausgearbeitet haben)
- Schuberts 10. Symphonie und die sog. 8 in h-moll (die berühmteste "Unvollendete", so auch der "posthume" Titel) sowie andere symphonische Fragmente, dazu diverse Werke, die manchmal als Particelle verdächtigt werden (Sonate 15 "Reliquie" und das Grand Duo),
- Borodin 3. Symphonie (Glazunov)
- Elgars 3. Symphonie (Payne)
- Tchaikowskys 3. Klavierkonzert (Tanajev, auch als 7. Symphonie eingerichtet von Bogatryryev)
- Bruckner 9. Symphonie, dessen Finale in mehrere Rekonstruktionen vorliegt, deren verbreiteste und elaborierteste die sog SPCM-Fassung (siehe folgende Seiten) ist.

Die Frage, inwieweit ein Fragment zu einem zufriedenstellenden, im Idealfall sogar "perfekten", Ergebnis aufgearbeitet werden kann, hängt von verschiedenen Dingen ab: Am wichtigsten ist wohl der kompositorische Fortschritt des Orginalmaterials: Wieviel Material kann musikwissenschaftlich ergänzt werden, ohne dass der Rekonstrukteur wesentliche eigene Ideen einbringt (einbringen muss). Dabei ist bedeutend, wie der Komponist selbst gearbeitet hat, welchen Personalstil er hatte, wie er üblicherweise instrumentierte, vielleicht aber auch, welche textlichen Angaben er hinterließ.

Bei kompletten Klavierauszügen ist meist ein gutes Ergebnis rekonstruierbar. Auf diese Weise konnte beispielsweise Mahlers 10. Symphonie so fertiggestellt werden, dass nunmehr eine sehr bedeutsame Symphonie vorliegt. Im Falle des Fragments des Kopfsatzes der 10. Symphonie Beethovens halte ich das Ergebnis für weniger überzeugend. Auch den Komplettierungen der Schubert'schen Symphoniefragmente und des 3. Klavierkonzerts von Tchaikowsky kann ich klangästhetisch viel abgewinnen.

Gehe zu: " Why" (Plädoyer für die Rekonstruktion des Finales der IX. Symphonie Brucknes)