Um ein solch ungeheures Ereignis zu kanalisieren,
funktioniert die in der Aufführungsfassung (SC: 595) nachgestellte,
von Bruckner selbst in der Choralthemenreprise gleichsam ,vorausbereitete‘
(ÜP: 545) Wiederholung des früheren augmentierten
Streicherchorals (ÜP: 455) im Pleno gerade deshalb so gut,
weil das eigentliche Christus-Choralthema durch seine Transformation
mit abschließender Bekreuzigung im Baß hier hörbar
entlarvt und zu Ende gebracht wird, denn es sollte ja nicht
das eigentliche Ziel des Satzes sein, wie auch schon die erschöpfende,
an sich kaum mehr zu übertrumpfende Reprise des mit dem
Te-Deum-Motiv überlagerten Choralthemas nahelegt. Nur so
machte die von Bruckner skizzierte Schlußkadenz des Satzes
(ÜP: S. 41, II & III) auch semantisch einen Sinn: Das
zu Beginn der Kadenz notierte aufsteigende Choralfragment aus
C-Dur funktioniert wie ein hinleitendes, letztes Fürbittengebet;
die letzte ,teuflische‘ neapolitanische Spannung ,Ces-F‘
(je vier Takte) wird durch das in der Aufführungsfassung
von den Bearbeitern hinzugefügte Zitat des umgekehrten
Fugenthemas endgültig göttlicher Ordnung unterworfen,
und so hat auch die letzte große Ballung anders als im
Adagio keinerlei Macht mehr. Die Kadenz dürfte im Sinne
dieser musiksemantisch-inhärenten Logik keinesfalls die
Adagio-Klimax überbieten wollen: der Drache wird ja endgültig
besiegt. Umso freier kann sich dann auf dem noch skizzierten
Tonika-Orgelpunkt (SC: 627) das all-versöhnende ,Alleluia/Non
confundar‘ entfalten, von Samale et al. gebildet aus dem
Vorthema des Kopfsatzes, gewendet nach Dur (,d-e-fis-a-d‘):
Das Ende läge dann im Anfang – ein sinnfällig
ultimatives Symbol von Ewigkeit und ein Ausdruck der Beständigkeit,
ähnlich wie auch in den Schluß-Bekräftigungen
sämtlicher früherer Finalsätze.
Der gesamte Satz weist eine Stringenz und Ökonomie der
Architektur auf, die wahrhaft meisterlich ist: Jedes Element
hat seinen Platz. Die oben geschilderten charakteristischen
Bilder gehen dabei einher mit einer erschöpfenden Wissenschaftlichkeit
im Komponieren. Das mag man nicht zuletzt der Tatsache entnehmen,
daß die von Bruckner komplex geordnete Struktur den Themen
und Motiven erlaubt, in all ihren Formen kontrapunktischer Verarbeitung
so kunstvoll wie auch äußerst systematisch durchgeführt
zu werden – rectus, inversus, gespiegelt, in Vergrößerung,
Verkleinerung und imitiert wie auch in all diesen verschiedenen
Formen überlagert. In der Synthese barocker Stilelemente
und modernster Harmonik (bis hin zu Tredezim-Akkordik), die
Grenzen der Tonalität gerade aus der historischen Tonsatzlehre
Sechters heraus sprengend, kulminiert im Finale zur Neunten
die ungeheure Innovationsleistung Bruckners. Sie wird noch aus
dem erhaltenen autographen Material klar erkennbar. Mithin hätte
Bruckner vor dem Tod seine letzte, große ,Prüfung‘
insgesamt doch noch glorreich bestanden – auch wenn heute
Teile des Finales verlorengegangen sind und er die Instrumentierung
nicht mehr ganz fertigstellen konnte. Die Anerkennung dieser
Leistung, wie sie sich in dem fertig durchdachten Finale-Konzept
äußert, hat die Nachwelt Bruckner bislang leider
weitestgehend verweigert. Es wird hohe Zeit, daß sich
dies endlich ändert.
Benjamin-Gunnar
Cohrs (© Bremen 2004)
[Der Autor ist Dirigent, Publizist,
Repräsentant der Aufführungsfassung und Mitarbeiter
der Bruckner-Gesamtausgabe]
