Bruckner, das Mysterium. Bruckner, das Faszinosum

Bruckner interessiert. Als „ganze“ Person vielleicht mehr noch als andere populäre Tonmeister wie Wagner, Tschaikowsky, Mozart und Beethoven, deren Biographien recht verbreitet sind: Sie entsprachen oft dem Klischee des Originalgenies und wurden deshalb auch oft verfilmt. Bruckner dagegen gibt andere Rätsel auf, weil sein soziales, „außermusikalisches“ Auftreten – naiv, devot, tappsig – völlig divergent zu seinen musikalischen Ideen war.
Ein Genie, dessen Geist sich in einem einfachen, zurückhaltenden Kirchenmusiker verirrt hat?
Wie kann ein Mensch, der so unbeholfen war und dem wohl auch an Selbstbewusstsein trotz in Kenntnis seiner Befähigung so mangelte, solche gewagte, moderne, kraftvolle und innovative Musik schreiben?
Es wäre Ihm ein Einfaches gewesen, technisch traditionelle Symphonik oder Salonmusik zu schreiben und damit jeder damalig so feindseligen Kritik zuvor zu kommen.
Und doch platzierte er ein für’s nächste Mal neue singuläre Tonmalereien, die noch heute revolutionär, visionär wirken.
Was seine Musik groß macht ist? Das Einzigartige (Auch wenn ihm Zeitgenossen eine große Nähe zu Wagner vorwarfen. Aber hier wurde nicht hingehört! Dies lag offensichtlich an der Verehrung Bruckners für Wagner. Wegen seiner unterwürfigen Art, Wagner zu loben, wurde da mal schnell Bruckners Musik Wagner-Eklektizismus untergejubelt.)!

Ähnlich wie Beethoven hat Bruckner nur wenig Werke geschrieben: 11 Sinfonien, eine paar geistliche und weltliche Chorwerke, sehr wenig Kammermusik. Bruckner konzentrierte sich auf die detaillierte Perfektion seines Auswurfs, so dass noch heute fast jedes Werk gute Verbreitung kennt.

Der wohl maßgebliche Grund, warum Bruckner noch immer nicht den höchsten Musik-Olymp erklommen hat, liegt vermutlich an der bombastischen Wirkung mancher Passagen und der dominanten Länge seiner einzelnen Werke.
Beethoven etwa erschließt sich dem Hörer unmittelbar, analog partnerschaftlicher Liebe, Wagners Affekt beeindruckt wie ein rauschhaftes Gefühl nach Alkohol oder Nikotin. Beide ergreifen direkt.
Bruckner ist hingegen mit dem emotionalen Gefühl zu vergleichen, dass man nach dem erfolgreichen Ende eines Ironman-Triathlons erlebt. Nicht minder stark in der Wirkung, aber eben sehr schwer „erarbeitet“.

Bruckner schrieb, entgegen dem Trend der Mode und Zeit, absolute Musik. Wobei gerade seine absolute Musik trotz der Taktsystematik und den strengen Formen und Schemata ganz emotional, transzendental und metaphysisch verstanden wird. Zu der strengen Form zählt auch die nie durchbrochene Viersätzigkeit der Symphoniefassade. Sie wirkt aber keinesfalls technisch-mathematisch (was ich mitunter etwa bei der Zwölftonmusik und Fugen so empfinde. Nur eben Genies wie Bach konnten ein sehr technisch-konstruktivistisches Handwerk wie die Fuge so sinnlich komponieren). Der spirituelle Gehalt ist von Bruckner gewollt, er wusste genau um die Affekte seiner Tonkaskaden, um die elektrisierenden Harmoniecluster. Aber er schrieb eben nicht plakative Umsetzungen von Landschaften oder Kunst. Sondern Impression und Gefühl. Seine einzige Symphonie, mit „offiziellem“ Titel ist die 4., die sog. „Romantische“. Auch sie vermittelt aber nur Eindrücke und hat keinen textlichen oder konkreten Hintergrund.

Und wieder dieses Mysterium: Welche Ambivalenz wirkte in diesem Menschen? Verzagte er im Inneren, sind die tonalen Ausbrüche und die Mannigfaltigkeit seines musikalischen Ausdrucks Ergebnis des seelischen Widerstreits, der Ambivalenz von Biedermann und Genie? Oder fügt sich hier nur zusammen, was man nicht verstehen kann?

Fazit
Es bleibt noch viel Aufklärungsarbeit zu tun – packen wir’s an!

Epilog
Auch die Beatles waren genial-unique.